Über uns

In Schwabing steht ein Gasthaus „Die Rheinpfalz“, welches im Stadtarchiv schon in den 20er-Jahren erwähnt ist. Vor fast 50 Jahren,  übernahm Hensel Karp das Lokal – genannt „die Kneipe“ –  und zapft seither unermüdlich Bier. Am 1. Sept. 2021 ist das halbe Jahrhundert voll und es wird ein großes Jubiläumsfest geben, mit diversen Live-bands etc.

Zurück zu Hans, den alle liebevoll „Hensel“ nennen. Die unverwandte Mimik des Hausherrn erinnert bisweilen an den typisch bayerischen Grandler: Dennoch, seine stoische Art führt beim Besucher zu einer sofortigen Entschleunigung vom Alltag: Sitzen, schauen,  die Gedanken schweifen..

Nur manchmal huscht ein Schmunzeln über Hensels Gesicht, besonders dann, wenn ein Thekengast einen Scherz loslässt, aber es muss schon ein guter sein. Je nach Stimmung lässt sich der Besucher auf ein belangloses Gespräch ein – mit wem auch immer – vielleicht über Musik oder Politik. Das kann mit Schopenhauer enden, oder aber auch mit dem totalen Nonsens. Vielleicht setzt sich jemand unvermittelt an’s Klavier, dieses ist zwar verstimmt, aber wirklich nur ein bisschen.
Am Samstag (gelegentlich auch Freitag) gibt es Live Musik vom Feinsten, Jazz, Blues, Rock, aber auch Kabarett. Die events werden von dem herausragenden Trompeter Peter Tuscher und Bini Gast organisiert.

Nach einem gelungenen Solo läutet Hensel die Glocke, allerdings nicht als Aufforderung für eine Freirunde: Vielmehr als Wertschätzung für die Musiker. Aber auch für das Publikum, das sich lebhaft mit allen zur Verfügung stehenden Körperteilen, aber auch stimmlich wahrhaft wacker einsetzt.  Später dann, zur fortgeschrittener Stunde, sind alle zufrieden und vielleicht gibt es noch einen Nussschnaps.

Barbara navigiert die „Kombüse“ seit 40 Jahren mit sicherer Hand: Tellerfleisch und Rouladen sind legendär, alles schmeckt hervorragend und wird frisch zubereitet. Auch mindestens ein vegetarisches Gericht findet sich stets auf der handgeschriebenen Tafel.  Spät nachts denkt unser Gast, nachdem er in der Dunkelheit verschwunden ist:

„Ja, wo gibts denn sowoas noo  –  a  coola move“. (Bini Gast, 25. Juni 2021)

 

 

Rheinpfalz:  Tellerfleisch und ganz viel Hirn

aus Süddeutsche Zeitung: vom 20. Dez. 2011

Bars Kneipe Schwabing "Rheinpfalz"

Wirt Hans Karp setzt sich zu seinen Gästen (Foto: Robert Haas)

Von Lisa Sonnabend

Ein Ort für Professoren, Bildhauer und verhinderte Rockstars: Die Rheinpfalz in Schwabing ist die Kneipe mit dem höchsten IQ der Stadt – behaupten zumindest einige Gäste.

In der Rheinpfalz pulsiert Schwabing an manchen Abenden noch wie früher. Gerade erst rückte Hans Karp, den alle nur Hänsel nennen, mal wieder zwei Tische zur Seite und ließ die Beatstones auftreten, eine Sixties-Band aus Pasing. Die Musik war treibend, es war heiß und furchtbar eng. Die älteren Gäste tanzten, die jüngeren sagten: ‚Wahnsinn, wie die alten Leute tanzen.‘

Abend für Abend treffen sich in dem Lokal in der Kurfürstenstraße Musiker, Künstler, Kabarettisten, Denker und Thekensitzer. Wenn ein neuer Gast den Raum betritt, grüßt er die anderen. Die meisten mit Vornamen. Jeder duzt jeden, auch die wenigen Neulinge. Der Gitarrist Nick Woodland, der der Legende nach einmal beinahe von den Rolling Stones engagiert worden wäre, kommt fast jeden Tag gegen 22.30 Uhr, setzt sich an den Tisch hinter der Eingangstür und trinkt ein Glas Wein. Dann geht er wieder. Rock“n“Roller Richard Rigan, der noch immer ‚Elvis von Schwabing‘ genannt wird, sagt über die Rheinpfalz: ‚Es ist eines der wenigen Lokale, wo es noch urig ist und kein Schickimicki zu sehen ist.‘ Eines der wenigen Lokale, wo er seine Cowboystiefel anziehen könne, ohne schief angeschaut zu werden.

Der Bildhauer Olaf Metzel sitzt an diesem Abend an einem der Holztische im hinteren Bereich des Lokals. Ein paar Tage zuvor ist ein großes Interview mit ihm erschienen, über sein neues Werk für die Staatsbibliothek in Berlin. Den Artikel reichen die Gäste, darunter einige Professoren der umliegenden Hochschulen, herum und nicken Wetzel anerkennend zu. ‚Die Rheinpfalz hat Kultur‘, sagt der 67-jährige Wirt Hänsel stolz. ‚Sie ist die Kneipe mit dem höchsten IQ der Stadt.‘, sagen zumindest einige Gäste. Hier haben auch die Angestellten studiert. Köchin Barbara zum Beispiel, die seit 35 Jahren Tellerfleisch, Schinkennudeln oder Zanderfilet zubereitet, ist Politologin.

Woher der Name der Kneipe kommt, hat hier allerdings trotz allem IQ niemand herausgefunden. Auch wie lange es das Lokal schon gibt, kann keiner so genau sagen. Sicherlich habe es die Rheinpfalz schon vor dem Krieg gegeben, vermutet Hänsel. Eines weiß der Wirt allerdings genau: Der Tag, an dem er das Lokal übernahm, war der 1. September 1971. Hänsel steckte damals mitten im BWL-Studium. Er hatte finanzielle Reserven, weil er einen gut bezahlten Nebenjob hatte. Als der damalige Besitzer des Lokals nach Indien ging, dachte sich Hänsel: ‚Das könnte ich ja für ein paar Jahre machen.‘ Nun steht er nach 40 Jahren immer noch hinter der Theke. Er ist davon überzeugt, dass er der dienstälteste Wirt in Schwabing ist.

Als er das Lokal übernommen hatte, riss Hänsel erst mal die Tapete ab, zum Vorschein kam eine holzvertäfelte Wand. Die hat der Wirt mit Ochsenblut-Farbe bemalt und mit der Zeit Schwarz-Weiß-Fotos der Angestellten und der Stammgäste hingehängt. Die Bilder hängen noch heute. Hänsels Gastronomiekonzept lautet: ‚Bloß nichts ändern.‘ Auch die Besucher sind großteils immer noch die gleichen – auch wenn sie inzwischen ein wenig in die Jahre gekommen sind.

Die meisten Gäste sitzen an der Theke, vor sich ein Bierglas, das erst halbleer, dann leer und schließlich wieder voll ist. Mitten im Raum steht ein Klavier, ab und an haut ein Gast in die Tasten und wenn er das gut macht, verstummen die Gespräche, und die Gäste lauschen. In der Ecke hängen Wimpel von Fußballvereinen. Nicht vom FC Bayern, dafür von Erzgebirge Aue oder Rot-Weiß Oberhausen. ‚Meine Sympathien haben die Vereine, die gegen den Abstieg kämpfen‘, erklärt Hänsel. Hinter dem Tresen liegt seine Trompete. Immer wenn ein Gast Geburtstag hat, holt Hänsel sie hervor und spielt ihm ein Ständchen.

Nur am Sonntag müssen die Stammgäste ihr Bier woanders trinken. Denn dann ist – für eine Kneipe recht ungewöhnlich – Ruhetag. Hänsel sagt: ‚Ich will ja auch mal ausgehen.‘

Ans Aufhören denkt Hänsel noch lang nicht – vor allem wegen seiner Angestellten. Wegen Barbara, Morin, Heike und Klaus, von denen die meisten bereits seit mehr als 30 Jahren hier sind. ‚Die bappen doch an ihrem Job‘, meint Hänsel. Die Rheinpfalz einfach zumachen, das würde ohnehin nicht gehen. Dann würden Freundschaften kaputtgehen, mehr noch: eine Familie würde zerbrechen.



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